Montag, 11. September 2006    zurück   Münchner Merkur Nr. 209 | MM 4

 

"Wir tragen das Kreuz zum Papst"

300 Jugendliche pilgern nach Riem

"Auf meiner Eintrittskarte steht: Gottesdienst mit Papst Benedikt. An Deiner Seite, Gott, und unter Deinem Schutz will ich mich auf den Weg machen "

Foto: Karsten Lauer

München Der letzte Zug ist weg. Michael und. Bernhard hätten ihn erwischt, wären vielleicht schon daheim, in Polling (Kreis (Weilheim Schongau), aber sie wollten nicht -, sie wollten lieber pilgern. Es ist kurz nach drei, und die Brüder stehen im Korbinians-Haus an der Preysingstraße in München-Haidhausen. Michael reibt sich die Augen, später wird er sagen: "Es ist zu kalt, um müde zu werden." Bernhard erzählt von der "Jugendnacht": Andacht, Gottesdienst, Gospelchor. Dann setzt er seinen Rucksack ab und befestigt zwei weiß-gelbe Vatikanfähnchen "Wer glaubt, ist nie allein", steht auf dem Tuch, das er dabei hat. Zehn Kilometer Fußmarsch liegen vor ihm, vor seinem Bruder und vor den rund 300 anderen Jugendlichen. Die letzte Etappe der "Jugendnacht": Pilgern zur Papst Messe nach Riem.

Jugendliche suchen nach Orientierung: Sie suchen nach authentischen Menschen, die für etwas stehen", sagt Dirk Tänzler, Bundesvorsitzender der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Tänzler ist ein Mann, der viel lacht, einen kleinen Bierbauch vor sich herträgt und "mit Leidenschaft Ruhrgebiets-deutsch" spricht. Er ist überzeugt, dass Teenager Leitfiguren brauchen - Personen, die ihn etwas vorleben, wie er es ausdrückt. "Was nicht heißt, dass sie alles eins zu eins übernehmen", es gehe vielmehr um Denkanstöße.

 Die Denkanstöße sind auf kleinen Zetteln notiert, die BDKJ-Mitarbeiter an alle jungen Pilger verteilen: "Worauf warte ich in meinem Leben?", steht da zum Beispiel. Oder: "Wann war ich das letzte Mal Feuer und Flamme?", "Wo gibt es in meinem Glauben Begeisterung?"

"Es ist dieses gigantische Gemeinschaftsgefühl. Die vielen Jugendlich" - wir haben zusammen Spaß, wir beten nicht nur die ganze Zeit", sagt Andrada. Sie spricht in kurzen, teils abgehackten Sätzen. Immer wieder atmet sie tief durch. Mit sieben anderen Mitgliedern der katholischen Jugend Traunreut (Kreis Traunstein) trägt sie das hölzerne Kreuz auf ihren Schultern - 3,30 Meter hoch, mehr als 50 Kilogramm schwer. Sie spricht von "großer Ehre": Benedikt XVI. hat in Traunstein - "unserem Landkreis" - das Gymnasium besucht. Ihre Freundin Daniela hat ihn "live" gesehen, als er noch Kardinal war. "Wir tragen das Kreuz bis zum Papst sagt Andrada und keucht dabei ein bisschen. Ihr Wunschtraum platzte beim Wechsel an der Berg-am-Laim-Straße.

Das Kreuz ist "jetzt fest in rumänischer Hand", witzelt ein junge, Mann. Emil der als Einziger der 45-köpfigen Pilgergruppe aus Rumänien Deutsch spricht, sagt während eines Gebets in einer Truderinger Kirche: "Die meisten von uns sind grichisch-katholisch. Und wir machen hier sehr gern mit, denn wir sind genauso katholisch wie Ihr."

Foto: Karsten LauerAls sich der Himmel langsam rötlich färbt, erreichen die Pilger das Messegelände. Als die Sonne scheint, stehen sie in Block M7. Sie stellen das Kreuz ab, breiten ihre Decken aus. Manche haben Augenringe, einige Mädchen klagen über zerlaufene Wimperntusche. In zweieinhalb Stunden wird "Benedetto" im Papamobil vorbeifahren. Die Pilger werden die weiß-gelben Fähnchen schwenken. Nach der Messe werden sie zur nächsten U-Bahn-Station pilgern.
"Wir
können im Zug schlafen", sagt Andrada. Sie blinzelt gegen das Sonnenlicht.

von Barbara Nazarewska